Wir verlassen Bischkek morgens um in den Westen Kirgistans zu fahren – genauer gesagt nach Arslanbob. Die Fahrt führt uns über beeindruckende Bergpässe, hochliegende Plateaus, Schluchten in die sich türkisfarbene Flüsse eingegraben haben und wüstenartige Landschaften. Nach 10 Stunden NeedForSpeed-ähnlicher Fahrweise kommen wir in Arslanbob an.

In Arslanbob nutzen wir erstmalig die lokale Tourismusbehörde CBT (Abk. für Community Based Tourism). Das Schweizer Projekt wurde vor circa 20 Jahren in Kirgistan gestartet und ermöglicht es ausländischen Reisenden Informationen vor Ort zu erhalten, Ausflüge zu buchen und bei Familien vor Ort zu übernachten. Wir verbringen unsere Nächte in dem kirgisischen Dorf also bei einer Familie die schon lange in Arslanbob zu Hause ist.

Es ist deutlich wärmer als in Bischkek und wir starten um die Natur um das Dorf herum zu erkunden. Kaum sind wir aus dem Haus raus, sprechen uns zwei kleine Jungs an: „Helloooo! Fotoapparat?“. Wir zeigen unsere Kameras und die beiden bedeuten uns, ein Bild von ihnen zu machen. Wir folgen der Aufforderung und zeigen das entstandene Bild. Die Aufnahme wird mit einem Хорошо quittiert und die beiden laufen lachend davon.
Wir laufen durch das Dorf zu dem kleinen Wasserfall. Auf dem Weg werden wir immer wieder von Kindern mit einem freundlichen „Helloooo!“ begrüßt. Kurz davor reihen sich zahlreiche Souvenirstände aneinander und es werden von Armbändern und buntem Plastikspielzeug bis zu Käsekugeln in jeder Größe (Spezialität, die an jeder Ecke als Snack gekauft werden kann) alle möglichen Mitbringsel angeboten. Wir hören schon auf dem Weg Schreie, wie im Freizeitpark und können von dem Aussichtspunkt die Quelle ausmachen – am Wasserfall tummeln sich unzählige Schulkinder und lassen sich zum Teil komplett nass unter dem Wasserfall photographieren. Wir erfahren später, dass es der letzte Schultag ist und dieser für Ausflüge an den Wasserfall genutzt wird.

Entlang eines Wanderwegs gehen wir zu dem Panoramapunkt und werden mit einem beeindruckenden Ausblick belohnt:

Der ausgetretene Trampelpfad führt uns vom Panoramablick direkt in die bekannten Walnusswälder von Arslanbob. Hier ist es angenehm, im Vergleich zur prallen Mittagssonne und wir können uns vorstellen wie die Bewohner des Dorfes zur Erntezeit hier herumhetzen um innerhalb kürzester Zeit alle Walnüsse zu sammeln – bei unserem Besuch treffen wir allerdings keine einzige Person.

Abends machen wir uns nochmal in Richtung Panoramablick auf, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Dabei wäre uns fast einer der vielen Waldbewohner der Gegend entgangen:

Am nächsten Tag gehen wir zum lokalen CBT um Ibragim ausfindig zu machen, einen Bekannten von Dianas Doktorvater. Wir sehen ihn kurz und verabreden uns zum Nachmittagstee. Somit haben wir noch ein wenig Zeit um über den überschaubaren Basar zu schlendern, der deutlich billiger ist als in Bischkek.

Als wir später den Weg zu Ibragims Haus gefunden haben, sind wir überwältigt – von hier hat man einen großartigen Ausblick auf die umgebenden Berge. Ibragim selbst ist ein pensionierter Deutsch- und Englischlehrer, der sehr aktiv in der Dorfgemeinschaft ist und ebenfalls am CBT Homestay Programm teilnimmt. Wir bleiben insgesamt 2,5 h Stunden bei ihm und lauschen seinen interessanten Geschichten über Arslanbob und Kirgistan. Er erzählt von der Walnussernte und das diese innerhalb kürzester Zeit passieren muss, bevor der erste Schnee fällt und die Nüsse am Boden verdeckt. Dazu klettern v.a. junge Männer in die Baumkronen und schütteln die Nüsse von den Ästen. Es kommen jedoch keine Seile zum Einsatz: Im letzten Jahr sind bei dieser gefährlichen Arbeit 35 Männer von den Bäumen gefallen und 5 sogar davon gestorben. Immerhin gibt es momentan ein Projekt mit der GEZ zur Verteilung von Seilen. In Arslanbob werden bei einer guten Ernte circa 2 Tonnen Walnüsse pro Familie gesammelt – 1 Kilogramm wird zumeist für 2 USD verkauft.


Wir verlassen Ibragims Haus mit schwerem Herz aber vielen neuen und interessanten Impressionen. Ein paar dieser örtlichen Eindrücke wollen wir hier mit Euch teilen:



Abends beim Essen merken wir das die Saison noch nicht begonnen hat, denn das Restaurant ist bis auf ein altes, kirgisische Ehepaar leer. Eine freudige Bedienung kommt sofort auf uns zu und reicht uns die Speisekarte. Als wir fast mit dem Essen fertig sind, stellt sie uns eine Frage auf Russisch, doch der Wortschatz geht über unseren hinaus. Sie läuft schnell in die Küche, holt ein Buch hervor und liest auf English vor: „Are you married?“ Wir verneinen und ernten einen erstaunten Blick. Sie zeigt auf ihre Tochter und gibt uns zu verstehen, dass sie bereits mit 19 ihr erstes Kind bekommen hat. Wir erwidern, dass in Deutschland erst später geheiratet wird…
Pünktlich zum Sonnenuntergang kommt eine große Gruppe ins Restaurant geströmt – das Fasten darf gebrochen werden.
